Ursprünglich wollten wir ja nur ein paar Tage in Mindelo bleiben, geworden sind es dann mehrere Wochen. Es ist nicht so, dass Mindelo besonders schön oder interessant wäre. Aber es gibt einen sicheren Hafen mit einem großen Ankerfeld und einer Marina – und damit eine Seglercommunity, das genießen wir durchaus. Man trifft sich tagsüber auf ein Tratscherl oder abends in der Floating Bar, dem Treffpunkt der Schickeria Mindelos und der Traveller. Selbstverständlich ist man immer mit Rat und Tat zur Stelle, man hilft einander so gut man kann. Die Segler kann man in zwei Gruppen einteilen: die Jungen, die noch vor dem Berufsleben was erleben wollen und die Oldies, die so wie wir mit ihrem 2. Leben angefangen haben, nachdem sie gemerkt haben, dass sie nur eines haben.
Da wäre zum Beispiel Erwin.
Erwin ist Wiener, hat hier ein Charterbusiness gemanagt, war dann einige Jahre in der Karibik und ist jetzt wieder für einige Monate in Mindelo. Er kennt hier einen Menge Leute und quasi alle Menschen, die am Boot was reparieren können. Wenn Du ein Problem hast geh zu Erwin, er kennt sicherlich jemanden, der es für dich löst.
Margo aus Strasbourg und Obi aus Varasdin haben sich als Hitchhiker auf dem Trip von den Kanaren nach Mindelo kennen und lieben gelernt. Sie waren mit ihrem zwar netten aber durchaus auch verhaltensauffälligen Skipper zu acht mit zwei Hunden auf einem kleinen Ferrozementboot unterwegs, dass eher einem Wrack als einem seetüchtigen Boot gleicht. Hier in der Marina haben sie ein verlassenes Boot gemietet und bewohnbar eingerichtet. Ihr Geld verdienen sie zur Zeit als Tatoo-Artists. Außerdem bereiten sie einen Ausstellung mit ihren bemerkenswerten Zeichnungen und Malereien vor. Wie es mittelfristig mit ihnen weitergeht wissen sie noch nicht, jedenfalls gibt es Angebote als Manager in einem kleinen Ressort zu arbeiten oder eine Yacht nach Brasilien zu überstellen. Oder es kommt doch ganz anders, wer weiß…
Igors, ein sympatischer Bursche aus Lettland passt auf den Kat von seinem Skipper auf und ist immer hinter Damenbekanntschaften her. Seit einigen Tagen ziert ein neues Tatoo seine Wade, eine Kokospalme, gestochen vom Margo und Obi.
John aus Holland lebt seit 13 Jahren auf seinem Boot, Anna stieß vor 10 Jahren dazu. Das Boot ist in einem fabelhaften Zustand, trotzdem wird permanent verschönert und verbessert. Einst besaß er einige Coffee Shops in Amsterdam, heute lebt er absolut alkohol- und drogenfrei und 100% gesundheitsbewusst. Ein kurzer Tratsch ist mit John nicht möglich, es artet immer in eine sehr vergnügliche Langzeitunterhaltung aus. Außerdem stellt er fest, dass sowohl ich wie auch mein Vater dem in Holland weltberühmten Kabauter Plop sehr ähnlich schauen. Ob er recht hat? Wer das wissen will kann ja googeln.
Dann sind da noch Rodrigo und Andre, die auf ihrer Hunter 33 nach Frankreich wollen, gegen Wind und Welle. Eines abends nach einem harten Reparaturtag brechen sie auf, einen Tag später verschwinden sie vom AIS bzw Marine Traffic. Drei Wochen später melden sie sich von den Azoren, was für eine Fahrt!
Die zwei BOKU-Studenten, Phil und Nick auf ihrer kleinen Stahlyacht wollen in die Gegenrichtung, nach Brasilien, noch bevor der Berufsalltag beginnt. Segeln, Klettern und Skifahren, davon müsste man halt leben können!
Sandrine und Herve aus Frankreich haben ähnliche Lebensläufe wie wir. Ursprünglich erfolgreich in den jeweiligen Jobs wollten sie etwas anderes erleben. Sie kauften einen Kat und sind seit 2 Jahren auf See, seit 10/2025 auf Cabo Verde. In den letzten Wochen waren Meeresbiologen aus Cabo Verde bei Ihnen am Boot und haben Meeressäuger beobachtet. Jetzt reparieren sie ihr Boot in Mindelo. Langfahrtsegeln heißt ja bekanntlich, sein Boot an den schönsten Plätzen der Welt zu reparieren. Aber auch an den weniger schönen, wie hier in Mindelo.
Ilaria und Lorenzo ursprünglich aus Udine haben in Dänemark studiert und in Schweden gearbeitet. Jetzt nehmen sie eine mehrjährige Auszeit und besegeln die Welt. Sie sind begeisterte Taucher, da nützen wir doch gleich die Gelegenheit und gehen gemeinsam unter Wasser.
Joana und Briac, ein junges Seglerpaar aus Brest, segeln auf ihrer Baltazaar, einer 36ft Amel aus 1973. Gemeinsam unternehmen wir so manches Abenteuer auf unserer alten Pfaff oder des Abends in einer netten Bar.
Anas aus dem Baskenland und Simeon, Bootsbauer aus Kiel, haben einander auf La Palma kennen und lieben gelernt, ihre zauberhafte Tochter Nalu (heute 2,5 Jahre alt) in die Welt gesetzt und sind nun mit ihrer Collin Archer Ketch auf den Weltmeeren unterwegs. In Gambia wurden noch Hund und Katz adoptiert. Insgesamt eine fabelhafte Truppe!
Jeremy ist ein schrulliger Schotte, passionierter Segler und Ausbildner bei der RYS, genießt seine Pension auf seinem 33Fuß Boot. Gerne kommt er mit einem Fläschchen Wein bei uns vorbei und ist immer herzlich willkommen.
Itzi aus Spanien hat bei Eric aus Schweden auf seiner knallgelben Reinke angeheuert, um einem drohenden Burnout zu entgehen. Gemeinsam bereisen sie die Kapverden, bevor Itzi auf die Kanaren aufbricht und wieder ein bissl in ihr altes Leben finden möchte.
Und dann ist da noch Cha, der kleine quirlige Kapverdianer, die gute Seele in der Marina. Immer ist er freundlich, immer hat er ein breites Lachen im Gesicht. Eigentlich passt er auf ein Segelschiff auf, bis der Skipper zurück kommt. Zusätzlich hilft er als Security in der Marina aus, putzt Boote über und unter Wasser, fischt und kümmert sich sonst um alle möglichen Sachen. Wenn der Skipper zurück kommt fährt Cha nach Hause auf die Insel Brava. Ob wir ihn dort besuchen werden?
Dann gibt es noch die Bootsfahrer, die man lieber nicht kennengelernt hätte. Wie z.B. den überaus blonden deutschen Hochseefischer, der stolz sein in Runenschrift tätowiertes HH und 88 auf der Brust trägt.
Oder der Skipper der millionenschweren Superluxusrennyacht aus Südafrika, der bei einem missglückten Manöver die Mooringleine eines dauerhaft in der Bucht liegenden Seglers zerschneidet und sich keinen Deut um die Reparatur schert.
John meint dazu, dass wir uns viel zu viel mit den negativen Sachen beschäftigen und darüber die vielen schönen Erlebnisse vergessen. Recht hat er! Erinnern wir uns doch lieber an die vielen netten, freundlichen, zuvorkommenden und immer gut aufgelegten Menschen hier in Cabo Verde!!
